Waltraud Gasche (*1927)

Waltraud Gasche (*1927) war meine Nachbarin in der Böckhstr. in Kreuzberg und sie war auch der Auslöser für die "Berliner Kindheiten". Täglich klingelte Frau Gasche und bat um Hilfe. Entweder funktionierte der Fernseher nicht oder die Heizung musste dringend entlüftet werden. "Kommst du mal hoch, ja?" Sollte ich ihr Klopfen einmal  überhören, so klapperte Frau Gasche am Briefkastenschlitz und rief langanhaltend: "Huuuuuhuuuuu!" in die Wohnung.

 

Einmal lud Frau Gasche einen Freund und mich zum Kartenspielen in ihre Wohnung. Während vieler Partien Romé erzählte sie uns von ihrer schwierigen Kindheit im Kreuzberg der 30er Jahre. 2015 starb Frau Gasche kurz nach unserem Interview. Sie war eine im besten Sinne "zähe" und lebenslustige Dame. Täglich ging Frau Gasche mit ihrem altersschwachen Dackel "Jannie" um den Block und sang dabei selbstvergessen vor sich hin.

Durfte in keinen BDM

"Ich durfte in keinen BDM rein. Und ich wäre so gerne dabei gewesen und hätte gerne was gemacht. Ich bin auch mit der Büchse gegangen und bin durch die Gaststätten gegangen und habe jedes mal die Büchse voll gekriegt.  (...) Und dann hat er gesehen, dass ich ja nicht im BDM war und dann sagte er: "Aha, da haben wir ja wieder so ein Judenschwein!"

Luftschutz

"Oben hat's gebrannt, da stand ich auf der Treppe und eimerweise haben wir das Wasser weitergegeben. Also, man hatte sein tun. Wie gesagt, der auf der Dienststelle hatte das gesagt und die Leute haben geguckt und das gehört, aber was sollte ich machen? Ich konnte ja nicht weg bleiben. So bin ich dann hier groß geworden."

Lokalitäten

"Ich bin immer viel tanzen gegangen früher. Ich kannte die Lokalitäten. (...) Ich bin da viel rumgekommen. Und wenn einer kam, habe ich getanzt. Deswegen bin ich ja hingegangen, damit einem warm wird. Es gab ja nichts zu heizen, keine Kohle, kein nüscht. Ich war jeden Tag tanzen. Bis sie mich herausgeworfen haben"