Gülay Başgöl (*1971, West)

Gülay Başgöl (*1971) wächst in der Sonnenallee in Neukölln auf. "Ich komme aus einer türkischen Familie, als ich ausziehen wollte, war das ein großes Drama! Da kann man nicht einfach ausziehen ohne geheiratet zu haben. Ich habe zu meinem Vater gesagt: "Nö. Ich brauche keinen neuen Vormund! Ich will eigenständig sein und auf eigenen Füßen stehen. Am liebsten mit deiner Hilfe!" Da hat mein Vater gesagt: "Kommt nicht in die Tüte! Du weißt, bei uns Türken ist das nicht angesehen!" Und da habe ich gesagt: "Ok, dann ist es jetzt mal an der Zeit zu zeigen, dass Frauen auch auf eigenen Füßen stehen können, ohne verheiratet zu sein." 

Von allem etwas

"Ich bin so ein Kind gewesen, dass sehr diplomatisch war. Zum einen wollte ich mich, also mein "ich" leben und zum anderen wollte ich mein "ich" in die Familie integrieren. Das habe ich ganz gut geschafft. Ich habe meinem Vater gesagt, dass ich nicht so an heiraten interessiert bin, dass ich erst mal gucken will, was ich bin! Weil ich weiß nicht, was ich bin? Bin ich deutsch? Bin ich türkisch?"

Sendung mit der Maus

Wir haben immer "Sendung mit der Maus" gesehen und da war ja immer erst auf deutsch und dann auf türkisch oder italienisch oder serbokroatisch, "Das war türkisch!" Und eines Tages brauchte ich das nicht mehr und habe alles in deutsch verstanden! Und ich bin aus dem Wohnzimmer in die Küche gerannt und habe gerufen: "Ich kann jetzt deutsch, ich verstehe alles!"

Vom 10ten Stockwerk

"An der Mauer waren ja so Treppen, - "Hier verlassen sie den englischen Sektor" - und da sind wir immer hochgestiegen und da waren immer Soldaten und wir waren pubertierende Mädchen und haben da unsere Röcke hochgemacht und die haben mit den Ferngläsern immer zugeguckt. Als dann die Mauer fiel, war das ein komisches Gefühl - und wir als junge Mädchen hatten kurz mal Angst, dass die jetzt rüberkommen und uns finden."



Michael Horn (*1971, Ost)

Michael Horn (*1971): "Mein Vater war Musiker damals, bei der Armee in Potsdam und die haben jedes Jahr mehrere Konzerte hier im Tierpark gegeben. (...) Dann haben die Musik gemacht und ich bin durch den Tierpark gegangen und habe mit meiner ersten Kamera die ich hatte, ne Beirette SL 100 - die einfachste Kamera die es gab, für 25 Mark, super Tieraufnahmen gemacht. Meistens waren mehr Holzgehege drauf als Tier, aber ich habe die Dinger auch selber entwickelt. Da hat sich das so verfestigt, das mein Wunsch im Prinzip mit Tieren später zu arbeiten Wirklichkeit wurde. Blieben nur zwei Möglichkeiten, Musiker oder das."

"Teltow"

"Ich selber habe mir mein Taschengeld aufgebessert indem ich "Japanische Tanzmäuse" gezüchtet habe. Die dann an den Zoohandel verkauft wurden für 5 Mark das Stück, war viel Geld. Meine Transportbox war eine Trinkfixbüchse mit Löchern oben drin."

Kleine Revolution

"Und dann sind die mit der Militärpolizei gekommen und wollten die abholen. Und wir: "Ne, die kriegt ihr nicht!"Dann haben wir da ne kleine, große Revolution gemacht. Dann mussten die ohne die abrücken. (...) Später sind die dann mit der Polizei gekommen und allem, da war aber keiner mehr von uns da. Aber war ein tolles Gefühl, wir haben ein bisschen die Stirn gezeigt."

"Nie nach Berlin!"

"Und dann kam die große Tadelung auf dem Fahnenappell: "Er weiß nicht zu schätzen wie der Staat ihn fördern will."  Aber das war mir egal, ich hatte einen Lehrvertrag in der Tasche. Und ich habe sie alle Lügen gestraft, dass ich nie nach Berlin komme."